Weihnachtsbotschaft 2004


Weihnachten. Weihnachten 1943. Der Theologe D. Bonhoeffer sitzt in Berlin im Gefängnis und berichtet davon, dass immer am Heiligen Abend (24.12.) ein rührender alter Mann das Gefängnis besucht und Weihnachtslieder bläst. Der alte Mann meint es gut mit den Gefangenen. Er möchte auch den Gefangenen etwas weihnachtliche Stimmung mitgeben. Doch die Inhaftierten - viele von ihnen waren zu der Zeit völlig unschuldig im Gefängnis - pfeifen und machen Krach, um die Weihnachtslieder des alten Mannes zu übertönen. Sie halten die Weihnachtslieder nicht aus. Sie halten es nicht aus, die schönen Lieder der Weihnachtszeit zu hören und gleichzeitig elendig in der Zelle sitzen zu müssen. Der Kontrast zwischen den schönen Liedern und der Wirklichkeit des Lebens ist zu scharf - er ist unerträglich.

Eine nur spielerisch-sentimentale Erinnerung an Weihnachten findet keinen Platz in der rauhen Wirklichkeit eines Untersuchungsgefängnisses der Wehrmacht. Die bloße sentimentale Erinnerung an Weihnachten wird im Gefängnis buchstäblich ausgepfiffen.

Genau letztes Jahr um diese Zeit dufte ich in der Nacht einen todkranken Menschen ein Stück auf seinem letzten Weg begleiten - und das zu Weihnachten. Ein Sterbender, ein Kranker, ein Gefangener, ein Sorgengeplagter - sie alle passen nicht in das Bild von einem sentimentalen Weihnachtsfest. Das sentimentale Weihnachtsfest kapituliert vor den Realitäten des Lebens. Es wird ausgepfiffen. Zu Recht.


Im Protest der Gefangenen gegen die Weihnachtslieder des alten Mannes kommt zum Ausdruck, dass Weihnachten mehr sein muss als nur die Verbreitung einer schönen Stimmung.

Weihnachten ist erst dann Weihnachten, wenn es auch im Gefängnis besteht. Weihnachten ist erst dann Weihnachten, wenn es im Kranken - und Sterbezimmer ein zu Hause hat. Weihnachten ist erst dann Weihnachten, wenn es auf die harten Realitäten des Lebens eine echte Antwort geben kann.

Und genau das macht Weihnachten - Antwort geben auf die Wirklichkeiten des Lebens. Gott selbst gibt die Antwort. Ja Gott selbst ist die Anwort. Die Botschaft an die Hirten und an uns lautet:

Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Das habt zum Zeichen”, sagt der Engel zu den Hirten. Ein Zeichen Gottes! Was wird das für ein Zeichen sein? Es muss ein gewaltiges Zeichen sein, könnten wir meinen. Doch das Zeichen Gottes ist unscheinbar: ein Kind, in Windeln gewickelt, statt in einem Bett in einer Krippe liegend. Ist das ein Zeichen Gottes? Es ist ein Zeichen Gottes und zwar das bedeutenste Zeichen, das Gott jemals den Menschen gab. Gott kommt nicht als gewaltiger Herrscher auf die Erde, sondern als ein hilfloses Kind, in aller Schlichtheit und Armut. Von Anfang an wird Gott mit den harten Wirklichkeiten des Lebens hautnah konfrontiert.

Der Heiland ist geboren” , ruft der Engel den Hirten zu. Gott wird Mensch. Nicht symbolisch, nicht als eine Idee, nicht als eine Erfindung des menschlichen Geistes. Nein, Gott wird Mensch in Raum und Zeit. Gott tritt als Mensch in diese Welt ein. Was bedeutet das? Das bedeutet zunächst einmal, dass Gott sich nicht aus der Welt zurückzieht. Im Gegenteil: Gott stellt sich den Wirklichkeiten des Lebens. Gott erfährt am eigenen Leib, was es bedeuten kann, auf dieser Welt zu leben. In der Menschwerdung Gottes wird deutlich, dass sich Gott dem Leiden nicht entzieht. Und genau deswegen ist Jesus Christus Heiland. Er kann heilen, er kann retten, weil er mit den Wirklichkeiten des Lebens vertraut ist.

Im Weihnachtsfest gibt Gott in letzter Konsequenz Antwort auf alle Fragen der menschlichen Existenz. Die Antwort ist schlicht - wie das Kind in der Krippe - und zugleich unbeschreiblich groß - wie Gott selbst unbeschreiblich ist. Sie lautet: „Ich gebe mein Leben für dein Leben.” Wie lautet deine Antwort auf die Antwort Gottes?


Die einfachen Hirten zu denen der Engel gesprochen hatte, haben auf ihre Weise eine Antwort gegeben:

Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HERR kundgetan hat.”

Die Hirten machten sich auf den Weg, um den Heiland der Welt zu sehen. Sie finden die Antwort Gottes auf die harten Realitäten des Lebens in der Krippe liegen. Das war ihr Weihnachtsfest.



Wir können heute nicht mehr buchstäblich zur Krippe gehen, wie die Hirten damals. Aber das ist auch nicht nötig. Der Gang zur Krippe besteht für uns heute darin, dass wir glauben. Auf Gottes Antwort: „Ich gebe mein Leben für dein Leben.” kann deine Antwort lauten: „Ja, das will ich glauben. Ich will glauben, dass du der Heiland der Welt bist. Du gibst dein Leben für mein Leben. Nun will ich mein eigenes Leben ganz in deine Hände abgeben.” Diesen Weg zu gehen erfordert eine ganz persönliche Entscheidung vor Gott, eine Entscheidung, die nicht delegierbar ist.



Als der alte Mann im Gefängnis seine Weihnachtslieder spielte, hielten das die Gefangenen nicht aus. Sie protestierten, weil die Verbreitung von bloßer weihnachtlicher Stimmung im Elend unerträglich war. Weihnachtliche Stimmung alleine verbreitet eben keinen weihnachtlichen Frieden, von dem in diesen Tagen so oft die Rede ist.

Weihnachtlicher Friede kann nicht dort beginnen wo die Taschen voll, aber die Herzen leer sind. Der Weihnachtsfriede Gottes beginnt dort, wo sich Herzen öffnen und der Heiland der Welt einziehen kann.


Kai Braun