Osterbotschaft 2004



Ostern im Jahre 2004. Viele Millionen Menschen weltweit gedenken an diesen Tagen an den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Das ist die eine Seite von Ostern im Jahre 2004. Die andere Seite ist die, dass eine wahrscheinlich noch größere Anzahl von Menschen im Osterfest primär ein verlängertes Wochenende sieht, dass zu einem Kurzurlaub oder zu einem Verwandtenbesuch einlädt. Die ursprüngliche Bedeutung von Ostern ist heute vielen Menschen fremd geworden. Man genießt den äußeren Rahmen des Festes - ein paar freie Tage - und vergisst darüber den eigentlichen Inhalt. Eine Mehrheit der Menschen in unserem Land hat leider keinen persönlichen Zugang mehr zur Osterbotschaft. Ich sage leider, weil ich davon überzeugt bin, dass das Osterfest auch im 21.Jahrhundert jedem Menschen etwas zu sagen hat. Denn im Ostergeschehen gibt Gott Antworten auf zwei ganz wesentliche Fragen des menschlichen Daseins.
Die erste Antwort Gottes begegnet der Frage nach dem Menschsein schlechthin: Wer oder was ist der Mensch? Oder persönlicher: Wer bin ich? Die Antwort auf diese Frage gibt Gott am Karfreitag, in der Passion Jesu. Die zweite Frage ist die Frage nach dem Tod. Was ist der Tod? Was kommt danach? Oder persönlicher: Warum muss ich sterben? Die Antwort darauf gibt Gott am Ostermorgen, in der Auferstehung Christi. Im Leiden und der Auferstehung Jesu gibt Gott Antworten auf zwei entscheidende Fragen der menschlichen Existenz, die jeden Menschen betreffen, gleich welcher Kultur und welcher Zeit der Mensch auch angehören mag.

Wer ist der Mensch? - Wer bin ich?
Die Leidensgeschichte Jesu - seine Passion - öffnet die Schatzkammer des menschlichen Herzens. Sie gibt einen Einblick in die Abgründe des menschlichen Herzens. Als der römische Statthalter Pilatus den gefolterten Sohn Gottes dem Volk erneut vorstellte rief er aus: Ecce homo! Siehe der Mensch! Ja, so ist der Mensch. Das Leiden Jesu öffnet die Schatzkammer des menschlichen Herzens - seine dumpfe Rohheit und brutale Gewaltbereitschaft. Der evangelische Theologe Ernst Käsemann drückte das einmal so aus:
Auf Golgatha werden ... auch unsere Einbildungen über uns selbst ausgetrieben. Wo Heiden und Fromme sich zum Morde Jesu verbünden, wird der Mensch als solcher demaskiert und in seine Wirklichkeit gestellt, kann nur vergebende Gnade das letzte Wort haben.
Siehe der Mensch!
Durch das Leiden Jesu wird dem Menschen die Maske vom Gesicht gezogen, er wird demaskiert. Das betrifft jeden Menschen, ob religiös oder nichtreligiös. Der Ausruf des Pilatus Siehe der Mensch! ist der Ausruf über mein und dein Leben. Siehe, dass bin ich! Siehe, dass bist du! Der Mensch als moralisches Wesen ist schuldig vor Gott und Menschen.
Wir Menschen umgeben uns gerne mit einem Mythos, einem Mythos, der uns Gott ähnlich macht, so wie es Goethe beispielsweise mit seinem Gedicht Prometheus getan hat. So stellen wir uns selber gerne dar, kleiden uns in das mythologische Gewand des guten, des gerechten Menschen. Doch das Kreuz Jesu entmythologisiert den Menschen (Käsemann). Der Mythos wird am Kreuz als solcher enttarnt, dort wo Fromme und Heiden sich verbünden, den Sohn Gottes zu morden.
Es ist für mich hochinteressant in dem Zusammenhang die Kritik am Mel Gibsons Film Die Passion Christi zu lesen. Die meisten Kritiker sind sich darin einig, dass dieser Film zu brutal sei, eine Gewaltorgie und einen Blutrausch darstelle, welcher nicht zu ertragen wäre. Meine Anfrage an die Kritiker lautet : Liebe Kritiker, kann es sein, dass euer Entsetzen und eure Abscheu ein verzweifelter Versuch ist, die Masken vor dem Gesicht zu lassen? Wollt ihr es nicht wahrhaben, dass der Mensch so brutal und so gewalttätig sein kann? Dreimal spricht der legitimierte Richter Pilatus über Jesus das Urteil: unschuldig. Und trotzdem wurde der Angeklagte gefoltert, verhöhnt und dem Tod übergeben. Goethe, der zwar Prometheus geschrieben hat und damit den Menschen in den Himmel erhob, sagte doch zugleich von sich, dass er zu jeder Tat fähig wäre. Eine wahrhaft weise Selbsterkenntnis. Siehe der Mensch!
In der Passion Christi gibt Gott Antwort. Wer bin ich? Du und ich, wir sind Menschen, die vor Gott schuldig sind. Menschen, die echte moralische Schuld auf sich geladen haben und Vergebung brauchen. Am Kreuz Jesu wird der Mensch demaskiert. Dabei zeigt sich zugleich, dass der Mensch heilsbedürftig ist. Und dies ist das Paradoxon und das Ärgernis des Kreuzes. Nicht die Würdigen, nicht die Frommen, nicht die Selbstgerechten, sondern die Heilsbedürftigen finden Annahme bei Gott. Am Kreuz sterben auch alle Einbildungen des Menschen über sich selbst. Und das ist für den Menschen, der bereit ist sich von Gott die Maske abnehmen zu lassen, eine echte Befreiung. Du musst dich nicht mehr verstellen. Du darfst vor Gott der Mensch sein, der du in der Tiefe deines Herzens bist - ohne Maske, ohne Mythos, ohne Einbildung. Am Kreuz Jesu finden alle Versteckspiele ihr Ende. Unter dem Kreuz brauchst du nicht der sein, der du sein möchtest. Sondern unter dem Kreuz darfst du der sein, der du in Wahrheit bist - ein schuldiger Mensch, dem im Glauben Gnade und Vergebung zugesprochen werden. Das ist Befreiung - Befreiung von mir selbst.
Das Kreuz Jesu ist nicht rühmlich für den Menschen - wahrlich nicht. Aber es ist unendlich tröstlich.
Wer bin ich? Gott gibt Antwort. Das Kreuz Jesu verurteilt den Menschen und bestätigt ihn zugleich als Menschen. Denn in der Passion Christi kommt wie nirgend sonst die Liebe Gottes zum Ausdruck. Die größte Liebesgeschichte aller Zeiten ist nicht sehr romantisch. Sie fand draußen vor den Toren Jerusalems statt, als Jesus zwischen Himmel und Erde hing, um den Menschen mit Gott zu versöhnen. Gott macht sich zum Knecht des Menschen um des Menschen willen. Das ist Liebe - sein Leben zu lassen für seine Freunde.

Was ist der Tod? - Warum muss ich sterben?
Die Passion Christi beantwortet die Frage nach dem Wesen des Menschen und die Auferstehung Christi beantwortet die Frage nach dem Tod. Warum muss ich sterben?
Der Lohn der Sünde ist der Tod. So lautet Gottes Urteil über den Menschen. Darum musst du sterben. Die persönliche Schuld ist keine leichtfertige Sache, wie uns die Psychotherapeuten vermitteln wollen. Schuld bedeutet Tod, meint Trennung von Gott, der Quelle des Lebens. Der Tod ist keine Naturgegebenheit, er ist kein geduldig zu ertragendes Schicksal, sondern der Tod ist ein widernatürlicher, ja sogar widergöttlicher Zustand. Der Tod ist der Feind des Menschen und der Feind Gottes. Gott ist das Leben selbst, er ist die Quelle des Lebens und er möchte das Leben für uns Menschen. Jesus starb, weil er deine und meine Schuld auf sich nahm, damit du und ich leben können. Die Auferstehung Jesu aus den Toten beweist, dass Gott ein Gott des Lebens ist. Gott möchte, dass der Mensch lebt und zwar mit Gott selbst lebt, hier auf Erden und in der Ewigkeit. Unter Auferstehung verstehe ich dabei die leibhaftige, historisch geschehene Auferstehung Jesu. Das Grab war und ist leer!
Mir ist bewusst, dass viele Menschen heute der Auferstehung sehr kritisch gegenüberstehen. Aber aufrichtige Kritik stellt kein Hindernis für den Glauben dar. Die Anhänger Jesu waren, nachdem die ersten Nachrichten über die Auferstehung bei ihnen eintrafen, sehr, sehr kritisch. Sie betrachteten die Informationen die sie erhielten wörtlich, als leeres Gerede, als Geschwätz. Erst als der auferstandene Jesus selbst in die Mitte der Jünger trat, fingen sie an zu glauben. Einer der Anhänger Jesu war besonders kritisch. Er hieß Thomas. Im Johannesevangelium steht (20, 24-29) Thomas aber, einer von den Zwölfen, genannt Zwilling, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Es sei denn, daß ich in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Finger in das Mal der Nägel lege, und lege meine Hand in seine Seite, so werde ich nicht glauben. Und nach acht Tagen waren seine Jünger wiederum drinnen und Thomas bei ihnen. Da kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und stand in der Mitte und sprach: Friede euch! Dann spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus spricht zu ihm: Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Glückselig sind, die nicht gesehen und geglaubt haben!
Es ist ganz offensichtlich, dass Thomas sich nicht auf seine Ohren verlassen wollte. Er schenkte den Berichten seiner Freunde keinen Glauben. Thomas wollte den Auferstandenen sehen. Er verlangte den an Händen und der Seite verwundeten Leib Jesu, abtasten zu dürfen. Und Jesus kommt, begegnet dem Thomas und spricht: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. So real war die Auferstehung Jesu. Der Leib Jesu konnte angefasst werden.
Ich bin im Krankenhaus sehr oft an Sterbe- und Totenbetten gestanden. Dabei ist mir klar geworden, dass der Tod eine unwiderrufbare Realität ist. Der Tod im Leben des Menschen ist real. Ich habe Angehörige von verstorbenen Patienten beobachtet, die den Tod nicht wahrhaben konnten, die den Leichnam buchstäblich geschüttelt haben in der Hoffnung, dass ihr Verstorbener wieder wach wird. Der Tod ist unbarmherzig authentisch, echt. Und genauso echt wie der Tod, war die Auferstehung Jesu aus dem Grab. Jesus ist leibhaftig auferstanden, nicht symbolisch, nicht mystisch oder als Idee in den Köpfen seiner Anhänger. Die Auferstehung ist keine menschliche Idee, Erfindung oder religiöse Lehre. Im Gegenteil - die Auferstehung Jesu aus den Toten markiert die Trennlinie zwischen allen menschlichen Philosophien oder Religionen und dem lebendigen Gott. Dietrich Bonhoeffer hat diese Trennung in aller Schärfe auf den Punkt gebracht, wenn er aus dem Gefängnis schreibt:
Sokrates überwand das Sterben, Christus überwand den Tod. ... Mit dem Sterben fertig werden bedeutet noch nicht mit dem Tod fertig werden. Die Überwindung des Sterbens ist im Bereich menschlicher Möglichkeiten, die Überwindung des Todes heißt Auferstehung.
Sokrates ging in der Tat sehr souverän in den Tod. Das zeigt etwas von der Größe des menschlichen Geistes an. Der Mensch ist in der Lage auch die Todesfurcht zu überwinden. Aber mit dem Sterben fertig werden, bedeutet noch nicht mit dem Tod fertig werden. Wenn du meinst, mit der Überwindung des Sterbens hast du auch gleichzeitig den Tod überwunden, dann unterliegst du einem gefährlichen Irrtum! Vielleicht bist du so ein Mensch wie Sokrates und besitzt eine ebensolche geistige Größe. Du bist in deiner inneren Entwicklung soweit vorangeschritten, dass du mutig dem Tod ohne Furcht ins Auge zu schauen vermagst. Dann kann ich dir nur gratulieren, du bist weiter wie ich. Aber lass es dir gesagt sein: den Tod wirst du durch eigene Kraft und Stärke nicht überwinden. Täusche dich nicht! Christus überwand den Tod in der Auferstehung. Wenn du nicht nur das Sterben, sondern den Tod überwinden willst, dann glaube daran, dass Jesus für dich am Kreuz starb und für dich aus den Toten auferstand. Jesus sagte einmal zu einer Frau: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit. (Johannes 11, 25f)
Und dann stellte Jesus der Frau die entscheidende Frage: Glaubst du das? Welche Antwort kannst du auf diese Frage Jesu geben?
Jesus forderte den kritischen Thomas auf: Sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas hatte das Vorrecht die Auferstehung mit eigenen Augen zu sehen und mit den eigenen Händen zu tasten. Wir haben heute das Vorrecht an Hand der uns zugänglichen Schriften, das ist primär das Neue Testament, die Sache mit der Auferstehung zu prüfen. Und ich bin überzeugt, dass die Zeugnisse der Schrift einer aufrichtigen, kritischen Prüfung standhalten. Die Frage des Glaubens ist keine Frage der kritischen Prüfung, sondern eine Frage des Willens. Thomas hat kritisch geprüft und kam zu dem Ergebnis: Mein Herr und mein Gott. Er entschied sich, der Einladung des Auferstandenen zu glauben. Die Einladung Jesu zum Glauben ist heute genauso gültig wie vor zweitausend Jahren.
Ostern 2004 hat mir und dir etwas zu sagen. Ostern ist die persönliche Einladung Gottes an dich und mich. Es ist die Einladung den schweren Rucksack deines Lebens, der gefüllt ist mit deiner Schuld und deinem Versagen, der deine Enttäuschungen und Hoffnungen enthält, in dem die Brüche deiner Lebensbiografie aufbewahrt sind, diesen schweren Rucksack beim Kreuz Jesu abzulegen und liegen zu lassen.
Der Glaube an die Auferstehung Jesu bedeutet Vergebung der Schuld und Besitz des Lebens, sowohl des irdischen als auch des himmlischen Lebens. Im Namen des wahrhaft auferstandenen Christus möchte ich dich einladen, dem Sohn Gottes das Vertrauen zu schenken. Jesus sagt: Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben. (Johannes 20,29).
Glaubst du das?



Kai Braun